Erste Schreie in den späten Siebzigern..Machwerk im Interview mit Antje Kroeger, Leipzig / Berlin
Antje, lass und zuerst nicht über die Fotografie reden, sondern über Kunst. Wie denkst Du über Kunst und welche Kunstrichtung bevorzugst Du, wenn Du eine bevorzugen solltest?
Kunst ist so ein großes Wort und wir alle nehmen es jeden Tag so häufig in den Mund, sodass ich fast befürchte, dass Kunst lange nicht mehr dem entspricht, was sie wirklich ist und will, ihre Kraft geht verloren. Ich glaube, Kunst muss etwas zu „sagen“ haben, eine zweite, dritte, vierte Ebene eröffnen und für sich stehen. Fotografie ist „nur“ manchmal ein Teil dieser, aber das ist auch nicht schlimm, auch die Dokumentation und Reportage und all die anderen Genres haben natürlich ihre Berechtigung, eben eine andere.
Ich selbst mag und schätze Malerei und Musik. Die beiden Ms. Musik verstehe ich nicht immer in ihrem klassischen Ursprung, aber sie fädelt sich wie ein roter Faden durch mein Leben, in den unterschiedlichsten Facetten, Formen und Intensitäten. Die Malerei habe ich erst viel später entdeckt, dafür trat sie mit so einer Intensität in mein Leben, dass ich sie nie wieder missen möchte. Manchmal ahne ich: könnte ich malen, würde ich nicht fotografieren. Aber auf eine Richtung in der Malerei will ich mich nicht festlegen. Vor kurzem sah ich in San Francisco die wunderbare Picasso-Ausstellung aus Paris. Schon nach weniger als einer halben Stunde hatte mich der Maler gefangen, ich war seiner Kunst erlegen, besonders seiner „blauen Phase“. Aber genauso lieb’ ich die Porträts aus der Renaissance (die Geburt des Porträts ist ja auch für die Fotografie nicht ganz unwichtig), faszinieren mich immer wieder die flämischen Maler und die Werke von Matisse und Schiele.
Wann hast Du die ersten Erfahrungen mit der Fotografie gemacht und wie sind deine Erinnerungen an diese Erfahrung?
Ich bin recht spät auf die Fotografie „gestoßen“ und auch recht pragmatisch. Ich wollte Journalistin werden und brauchte ein Praktikum, damals war ich 21. Neben dem Schreiben war es in den meisten Redaktionen üblich, auch zu fotografieren. Die Pressefotografie begleitete mein Leben sehr lange und war für meine fotografische Entwicklung essentiell. Der Blick hinter die Kulissen, das Leben und seine Geschichten, der Sinn des Lebens – waren bereits in meiner Jugend gedacht und beobachtet – mit Anfang 20 hatte ich endlich das Medium gefunden, um meine Denkmuster zu visualisieren, und ich denke sehr gerne an diese Anfänge, das Lernen, die Fehler…
Deine erste Kamera – gehört sie wie bei vielen Fotografen und Fotokünstlern zu Deinen “Lieblingen“, und wenn ja warum oder ist dir das nicht wichtig?
Für mich spielen Marken so gar keine Rolle. Auch ich habe mich natürlich an meine Kameras „gewöhnt“ und mag es, damit umzugehen. Deshalb möchte ich eigentlich auch nie über Technik sprechen, das langweilt mich. Aber ich habe dieses haptische Interesse an „alten“ Kameras. Auf dem Flohmarkt schleiche ich immer um sie herum, nehme sie in die Hände und probiere aus. Natürlich habe ich auch schon eine kleine Sammlung. Mich faszinieren die Anfänge der Fotografie, das Großformat, das Arbeiten in der Dunkelkammer. Mein erstes Erlebnis mit einer Kamera war so mit 12 Jahren. Meine Mama drückte mir und meiner Schwester eine kleine, schwarze Box in die Hände, damit wir im Ferienlager fotografieren konnten. An die Bilder kann ich mich nicht erinnern und eine innige Beziehung zu der kleinen Wegwerf-Kamera pflege ich auch nicht.
Dein Stil, wie würdest Du persönlich deinen Stil der Fotografie bezeichnen und wichtiger noch, was steckt hinter Deinen Werken, welche Botschaft möchtest Du damit vermitteln?
Der Mensch braucht immer Schubladen, um zu verstehen. Aber manche lassen sich da nun wirklich nicht hineinstecken. Ich habe immer Probleme damit, mein „Werk“, meine „Kunst“, meine „Fotografie“ zu beschreiben und weiß manchmal auch nicht sicher, ob es sich überhaupt um „Kunst“ handelt. Ich mache Bilder. Ich inszeniere. Ich beobachte. Ich bilde ab. Ich schaue dahinter. Ich wecke Emotionen. Ich suche ein Ventil. Ich habe mein Herzblut gefunden.
Ein kleines Stück Lebensgeschichte von Dir, muss nicht, kann aber etwas mit deiner Kunst zu tun haben.
Erste Schreie in den späten Siebzigern des vergangen Jahrhunderts und Jahrtausends. DDR.Achtziger.sozialistische (Früh)Erziehung.Ferienlager. Berlin – Alexanderplatz. Mecklenburg. Abitur.Studium.Suche. Leipzig.Theater.Kultur.Journalismus. Analoges. Computer. Digitales. Inszenierung der Seelen.Gedanken. Emotionen.Sinnlichkeit. Freiräume. Neuanfänge.
Wie denkst Du über ältere deiner Arbeiten, magst Du sie noch oder sagst Du „OK, das war gestern und gehört zu mir“.
Ich mag alle meine Arbeiten, denn sie erzählen ein Stück meiner Geschichte. Aber der Stellenwert des ein oder anderen Werks ändert sich, das ist aber sehr normal. Auch künstlerisches Schaffen ist immer eng verknüpft mit persönlichem Gefühl. Geht also ein geliebter Mensch aus dem Leben, ändert sich auch die Blickweise auf das Werk, wenn dieser damit verbunden ist/war. Ich stöbere sehr gerne in meinem eignen Werk, aber genauso gerne auch in dem der anderen, denn jeder von uns sollte sich dann doch nicht so wichtig nehmen.
Nun eine abgedroschene Frage. Wer inspiriert dich?
Zur Zeit eine einfach Frage, denn ich bin verliebt in die Arbeiten von Sarah Moon. Wenn Sie wüsste, wie sehr sie mich damit inspiriert. Ansonsten bringen mich Bücher und Musik zum Nachdenken, es ist oft weniger eine visuelle Inspiration, denn eine nach.denkliche.
Hast Du ein ganz eigenes Ziel, dass Du erreichen möchtest – mit Deiner Art der Fotografie?
Ich denke meist nicht in zu großen Dimensionen, denn damit setze ich mich zu sehr unter Druck. Ich war und bin immer sehr spontan. Für mich ist es wichtig, meine eignen Emotionen umzusetzen und im Umkehrschluss auch den Blick auf meine Emotionen zuzulassen. Ich habe Lust, dass mich die Fotografie um die Welt führt, mich Plätze und Menschen „sehen“ lässt, sich mit der Musik vereinigt und vielleicht auch irgendwann in den Buchregalen steht.
Treibt Dich etwas Bestimmtes an oder kommt Deine Intention aus dem Bauch heraus?
Solange ich denken kann, bin ich auf der Suche. Die Suche nach Sinn und Erfüllung, nach Glück und der Liebe, nach Gefühlen und Grenzen, nach Leben und Tod, nach Wissen uvm. Diese Suche lässt mich jeden Tag aufstehen und leben und arbeiten. Die Zeit zwischen den beiden Meilensteinen Leben und Tod möchte ich so be.füllen, dass ICH damit „zufrieden“ bin. Für mich gibt es da momentan eben nur diesen einen Be.füller, die Fotografie, und ich höre da fast ausschließlich auf meinen Bauch.
Wenn Du drei Wünsche hättest, einer davon für die Fotografie, einer für Dich ganz persönlich und einer für Deine Umwelt, welche wären das dann?
Die typische drei-Wünsche-Frage, ok. Mein persönlicher Wunsch ist sehr einfach, ich hoffe, gesund zu bleiben und noch viel Zeit bis zu meinem Meilenstein Tod geschenkt zu bekommen (und das selbe gilt natürlich auch für die Menschen, die mit mir leben und lieben). Für die Fotografie wünsche ich mir, dass die Dimension der Gefühle den technisch, pixelhinterherjagenden Habitus ablöst und für meine Umwelt ist es auch wieder sehr einfach: ich hoffe, die Masse erkennt sehr bald, das Geiz nicht geil ist.
Welches Foto hättest Du bisher gerne einmal gemacht?
Ich mache die Fotos, die ich machen will. Ich jage keinen Träumen hinterher, das ist anstrengend und auch desillusionierend. Manchmal scheint eine Inszenierung schwierig oder eine Beobachtung falsch, dann muss man dem ganzen Prozess eben noch Zeit einräumen…
Antje Kroeger | Fotografin in Leipzig
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